Eigenverantwortung

Hast du dir schon mal eines dieser Werbevideos angesehen, in denen für Online-Abnehmprogramme geworben wird? Falls ja, dann wird dir das folgende Drehbuch bekannt vorkommen: Ein netter junger (und schlanker) Mensch stellt sich dir vor und erzählt von einem neuen tollen Trick, mit dem sie/er ganz schnell und ganz einfach ganz schlank geworden ist. Es geht damit weiter, dass du diesen Trick nicht kennen konntest, denn man hat dir die ganze Zeit etwas Falsches über die richtige Ernährung erzählt. Und dann kommt das Wichtigste: Es ist nicht deine Schuld, dass du übergewichtig bist! Meist folgt dann eine Erklärung, wer tatsächlich schuld ist an deiner Situation: Die Werbung, die "Abnehmindustrie", die Zuckerlobby oder wer auch immer.

Aber was ist an dieser Aussage dran? Wurdest du tatsächlich von der Werbung gefüttert? Wurdest du von der Abnehmindustrie zwangsernährt oder hat dir die Zuckerlobby heimlich Zucker in deinen Kaffee geschüttet? Oder warst du das am Ende doch selbst?

Der Begriff "Schuld" ist in den Videos ganz bewusst gewählt, aber er trifft die Sache nicht auf den Punkt. Reden wir lieber von "Verantwortung", das ist nicht das selbe wie "Schuld". Verantwortung bedeutet, dass wir etwas beeinflussen können (gut), aber es bedeutet auch, dass wir die Konsequenzen unserer Entscheidung tragen müssen (auch gut), während "Schuld" bedeuten würde, dass wir dafür eine Strafe verbüßen müssen.

Eigenverantwortung ist aber auch eine Verpflichtung uns selbst gegenüber. Es reicht nicht, einfach nur zu tun, was uns gesagt wird, sondern wir müssen uns informieren, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und wir müssen unsere eigenen Entscheidungen kritisch hinterfragen und unser Handeln an unseren Zielen messen. Dazu gibt es hier sogar einen eigenen Artikel: Ursache und Wirkung - Oder einfach nur Zufall?

Ich möchte dir gerne ein paar Beispiele geben, die dir sicherlich bekannt vorkommen. Eine Frau hat sich bei einem Online-Abnehmprogramm angemeldet. Anfangs hat sie schnell Gewicht verloren aber dann ging es immer langsamer und seit einigen Monaten stagniert das Gewicht. Dabei hat sie doch "alles richtig gemacht" und sich konsequent an die Regeln des Programms gehalten! Aber weil sie sich erinnert, dass ihr das Programm anfangs sehr geholfen hat, setzt sie die Regeln noch strenger um und schwärmt ihren Bekannten von dem Programm vor. Aber wer ist dafür verantwortlich, dass es jetzt nicht mehr weitergeht?

Eine andere Frau ist bei einem Abnehmprogramm, wo man eine bestimmte Anzahl freier Punkte ausgeben kann für kalorienreiche Lebensmittel, die entweder einen erhöhten Anteil an Kohlenhydraten oder Fett haben. Diese Frau aber tut das nicht und isst nur Salat und Magerjoghurt. Sie glaubt, dass sie schneller abnimmt, wenn sie auf diese Lebensmittel mehr oder weniger komplett verzichtet. Sie hat bereits eine Schilddrüsenunterfunktion, so dass das Gaspedal ihres Stoffwechsels sich nicht so weit durchtreten lässt wie bei einem gesunden Menschen. Durch die radikale Low-Carb Diät sinken ihre Werte des aktiven Schilddrüsenhormons fT3 noch weiter ab. Sie sagt, dass mit ihrer Schilddrüse alles in Ordnung ist, denn der Arzt hat die Werte durch Medikamente gut eingestellt. Wer ist dafür verantwortlich, dass ihre Stoffwechselaktivität immer weiter in den Keller geht?

Ein großer Mann mit leichtem Übergewicht, der regelmäßig etwas Sport treibt, ist ebenfalls bei einem Abnehmprogramm angemeldet, welches sich durch sehr einfache Regeln auszeichnet. Jedoch berücksichtigen diese einfachen Regeln nicht, dass dieser Mann einen viel höheren Energiebedarf hat als das durchschnittliche Mitglied, auf das diese Regeln zugeschnitten sind. Er hält sich konsequent an die Regeln und die vorgegebenen Portionsgrößen und erreicht damit ein tägliches Kaloriendefizit von über 1500kcal. Wer ist dafür verantwortlich, dass er nach zwei Wochen unausstehlich wird und die Rinde von den Bäumen knabbern könnte?

Eine junge Frau, die täglich 2 Liter Cola getrunken hat, meldet sich bei einem Abnehmprogramm an, bei dem sie in der ersten Woche gar keine Kohlenhydrat- und erst recht keine zuckerhaltigen Lebensmittel essen oder trinken soll. Nach dem zweiten Tag klagt sie über starke Kopfschmerzen und Schwindelanfälle. Wer ist dafür verantwortlich? Sie wendet sich an andere Mitglieder dieses Programms und fragt um Rat. Als Antwort erhält sie, dass sie durchhalten soll, denn das würde anfangs vielen so gehen. Wer ist für diese Antworten verantwortlich?

OK, es reicht. Du hast sicherlich gemerkt, worauf ich hinaus will. In allen Beispielen haben die Personen nicht hinterfragt, was sie tun und ob es ihnen gut tut und langfristig beim Erreichen ihrer Ziele hilft. Sie haben nicht realisiert, dass sie ihren eigenen Weg finden müssen und dass die Erfolge anderer keine Garantie dafür sind, dass sie auf die selbe Weise wie andere zum Erfolg kommen.

Kommen wir zurück auf das Werbevideo vom Anfang. Viele Menschen wollen gar keine Verantwortung übernehmen, denn eigenverantwortliches Handeln birgt die Gefahr des Scheiterns. Lieber vertrauen sich die Menschen jemandem an, der ihnen diese Verantwortung abnimmt, und sei es einem Computerprogramm. Damit treffen die Videos den Nerv ihrer zukünftigen Kundschaft: "An deiner Situation sind andere schuld und wir helfen dir aus dieser Situation heraus. Du musst nichts tun, als einfach nur unser Programm zu befolgen und jeden Monat 9,95 EUR zu bezahlen."

Wer ist dafür verantwortlich, das zu glauben, was uns die Werbung verspricht oder es eben nicht zu glauben? Werbung funktioniert dadurch, dass sie die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse verspricht: Sicherheit, Gesundheit, Anerkennung. Wir kaufen das neue Deo, damit hübsche Frauen uns hinterherpfeifen, wir kaufen das neue Auto, weil wir uns über die neidischen Blicke unseres Nachbarn freuen, wir schließen noch eine weitere Versicherung ab, weil wir Angst haben, alles zu verlieren. Und wenn wir ehrlich zu uns wären, müssten wir uns eingestehen, dass sich kein einziger dieser Wünsche erfüllt hat. Echte Anerkennung bekommen wir von unseren Freunden, Sicherheit fühlen wir in unserer Familie und Gesundheit erhalten wir durch die richtige Ernährung und regelmäßige Bewegung. Auf die einfachsten Lösungen kommen wir immer zuletzt.

Ich möchte ganz ehrlich sein: Ich habe anfangs die selben Fehler gemacht. Ich war derjenige aus dem obigen Beispiel mit dem anfangs für mich zu großen großen Kaloriendefizit. Aber ich habe die Regeln des Programms hinterfragt und ich habe begonnen, sie für mich anzupassen. Ich habe das nicht willkürlich getan, sondern ich habe mich aus vielen Quellen informiert. Ich habe einiges ausprobiert, manches beibehalten, anderes wieder verworfen. Und auf diese Weise habe ich das Programm schon bald gar nicht mehr gebraucht. Es war anfangs eine Stütze und eine Hilfe, die mir eine Richtung vorgegeben hat. Aber ich habe diese Richtung nicht stur beibehalten, sondern ich habe den Schwung genutzt und ihn in meine eigene Richtung umgelenkt. Mein Zielgewicht habe ich schnell erreicht und ich habe es bis heute problemlos gehalten. Für mich war es also der richtige Weg, es auf meine Weise zu tun.

Mich hat später mal interessiert, wieviele meiner anfänglichen Mitstreiter ihr Ziel erreicht haben und das Ergebnis war ernüchternd: Von 150 betrachteten und zufällig ausgewählten Mitgliedern, haben nur 4 (vier!) ihr selbst gestecktes Gewichtsziel erreicht. Der Rest hat entweder mittendrin aufgegeben oder das Gewicht stagnierte irgendwann auf halbem Weg und sie klammern sich bis heute an Regeln, die ihnen nicht mehr helfen.

Letztlich heißt es nichts anderes, als dass sie nicht bereit sind, die Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und das ist schade. Wenn sie scheitern, brauchen sie sich zwar keine Vorwürfe machen, denn sie haben ja keine Schuld an ihrer Situation, wie es in dem Werbevideo gesagt wurde. Aber wären sie auch stolz darauf, wenn sie ihr Ziel erreichen würden? Könnten sie es als ihren Verdienst ansehen, was sie geschafft haben? Oder wäre auch der Erfolg in der Verantwortung des Programms?

Ich wünsche dir, dass du deinen eigenen Weg findest. Nimm dir alles zu Hilfe, was dir nutzt und lass alles beiseite, was dir im Wege steht. Sei dabei immer ehrlich zu dir selbst, denn du alleine trägst die volle Verantwortung für dich. Lass dich nicht von kurzfristigen Erfolgen blenden, wenn sie dir auf lange Sicht schaden. Und verliere nicht den Mut, wenn du Rückschläge verkraften musst. Freue dich auf den Moment, in dem du auf das Erreichte zurück blickst und stolz darauf bist, was du geschafft hast.

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